London ist schon auf der Zielgeraden

Jul 27, 2011

Ein Jahr vor Olympia 2012: Die meisten Briten staunen über die reibungslose Vorbereitung

Heute in einem Jahr starten die 30. Olympischen Sommerspiele in London. Eine Mega-Party auf dem Trafalgar Square läutet die letzten 365 Tage bis zur Eröffnungsfeier ein. Die anfängliche Skepsis ist gewichen. 

Der Himmel über London hängt voller Geigen. Ein Jahr vor Beginn der Olympischen Spiele schweben sieben Heißluftballons über der Stadt, um die Bewohner und die Touristen mit einer eigens komponierten Symphonie musikalisch auf die Spiele einzustimmen. Wie ihre britischen Altersgenossen können Kinder in Nigeria, China, Mexiko oder Estland gar nicht mehr still sitzen, wenn sie nächstes Jahr die Übertragung der Sommerspiele in London gesehen haben.

Sie sind davon so inspiriert, dass sie sofort mit dem Training beginnen, um auch einmal als Athleten dabei sein zu können. Diese romantische Vision in den britischen Kurzfilmen für die Bewerbung zur Austragung der 30. Spiele mag dazu beigetragen haben, dass London als einzige Stadt zum dritten Mal zum Zuge kam. Für Sebastian Coe, dem Chef des Organisationskomitees, wurde die Vision Realität. Der laufende Lord wurde als Kind durch die Spiele in Mexiko 1962 so angeregt, dass er später zwei Goldmedaillen für Großbritannien gewann.

Und der Enthusiasmus, mit dem die britische Delegation in Singapur bei der Endausscheidung London als Metropole eines multikulturellen und sportbegeisterten Landes präsentierte, führte dazu, dass entgegen aller Skepsis und Nörgelei jetzt die Uhr auf dem Trafalgar Platz den Countdown des letzten Jahres zum Beginn der Spiele tickt. Coe hofft, dass nach dem Ende der Sommerspiele und der darauf folgenden paralympischen Spiele der Sport für Kinder "in einer Welt widersprüchlicher Botschaften und konkurrierender Zerstreuungen" wichtiger und zugänglicher wird.

Was den Zugang anbelangt, hat Deutschland bereits vor Beginn der Spiele einen Rekord aufgestellt. Als größtes Schiff, das jemals die Schleuse zur "Canary Wharf" passierte, legte die 175 m lange "MS Deutschland" am Südkai in den Londoner Docklands an. Es war eine Testfahrt für das Deutsche Olympische Komitee, das den Luxusliner während der Spiele als Hauptquartier gemietet hat.

Auch normale Besucher, die am Südufer der Themse übernachten, haben auf dem Weg zu den Stadien ein wässriges Abenteuer. Sie können den Strom in Windeseile mit der neuen Gondelbahn überqueren und ersparen sich so das Überqueren der immer hoffnungslos verstopften Londoner Brücken.

Olympia allerdings wird dank massiver Investitionen erhebliche Verbesserungen für den chaotischen Verkehr der Hauptstadt bringen. Das ist wohl auch ein Grund, warum jetzt 80 Prozent der Londoner die Spiele begrüßen, während vor der Bewerbung fast jeder Zweite dachte, dass es rausgeschmissenes Geld sei. Das ist auch etwa der Prozentsatz jener, die nicht damit einverstanden sind, dass zum ersten Mal eine gesamtbritische Fußballmannschaft am Olympischen Wettbewerb teilnimmt.

Die meisten Briten sind auch angenehm überrascht, wie schnell und reibungslos der heruntergekommene Stadtteile Stratford im Osten Londons transformiert wurde. Die riesigen industriellen Ödflächen sind jetzt der Olympiapark, in dem das Athletendorf, das Olympiastadion für 80 000 Zuschauer und Wettkampfstätten für zwölf weitere Sportarten entstanden sind. Zwei Drittel der Sporteinrichtungen Londons waren schon vor den Spielen "olympiareif" - etwa Wimbledon für das Tennisturnier und das brandneue Wembley-Stadion.

Wo die Königin ihre Geburtstagsparade abnimmt, wird jetzt der Sand für das Beachball-Turnier aufgeschüttet und die Schützen ballern stilgerecht in der königlichen Artilleriekaserne.

Die Organisatoren betonen, dass alle neu gebauten Sportstätten auch nach den Spielen sportlich weiter voll genutzt werden und einem breiten Publikum offen stehen. Das ist gewiss der Fall bei dem neuen Wildwasserzentrum im Lee Valley, welches als erste der neuen Olympia-Einrichtungen fertig wurde und schon vor dem Beginn der Spiele von den Londonern genutzt werden darf. Bevor die Kanuten hier um die Medaillen kämpfen, genießen die Londoner die waghalsige Fahrt im Schlauchboot durch die künstlichen Stromschnellen.

Ebenfalls recht waghalsig empfinden einige Kritiker jedoch die Kalkulation des riesigen finanziellen Nutzens der Spiele für London und das Königreich. Ungeachtet des chaotischen Ansturms im Kartenvorverkauf rechnet der Verband der europäischen Reiseveranstalter (ETOA), dass mindestens 50 Prozent weniger Touristen London während der Sommerspiele besuchen werden. Und dieser Effekt wird auch in den anderen Regionen des Königreichs zu spüren sein.

Verbandschef Tom Jenkins erklärt dies mit dem "Ersatz-Phänomen", das bislang bei allen Städten zu beobachten war, die Olympische Spiele ausrichteten: "Es kommen nur die Leute, die sich für Sport aber nicht die, die sich für London interessieren," sagt Jenkins. Für die meisten Touristen sei London das Eingangstor zu Großbritannien, das für sie nun in der Hochsaison geschlossen ist. Negativ-Nachwirkungen wie das Minus in der britischen Fremdenverkehrsstatistik können sich bis zu einem Jahr nach der Olympiade auswirken.

Lord Coe lässt sich davon ebenso wenig beirren wie von der Kritik an dem ultraschrägen Logo und den bizarren Maskottchen. Ein Jahr vor der Eröffnung sieht er die Olympiade "in der Zielgerade" an deren Ende London todsicher eine Goldmedaille winkt.

 

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